Einiges über Transkriptionen und Bearbeitungen

Kurze Einführung aus der Sicht des Interpreten und Bearbeiters.

Aus aktuellem Anlass (siehe Konzerte – Klavierabend Oktober 2014) habe ich mich wieder einmal mit Bearbeitungen befasst.
Der richtige Moment, um meine diesbezüglichen Gedanken einmal zu formulieren. Ich gehe im Wesentlichen auf die praktischen Aspekte ein, so erzähle ich die Entstehungsgeschichte der Werke in der Regel nur, wenn es relevant für meine grundlegende Idee ist.
Im ersten Teil kommt eine Betrachtung der Ungarischen Rhapsodien von Franz Liszt, die nächsten Kapitel werde ich im Lauf der Arbeit definieren.
Viel Vergnügen!

Teil I
Franz Liszt: Ungarische Rhapsodien

Gescholten, bewundert, verworfen, rehabilitiert… … berühmt, beliebt und trotzdem eigentlich sehr selten gespielt. Wenn man als Pianist diese Werke auf das Programm setzt, muss man einen gewissen sechsten Sinn für die Mischung aus Freiheit und Respekt besitzen, die klassische Interpretation funktioniert hier nur bedingt. Diese 19 Stücke sind Bearbeitungen von Zigeuner- und Volksmusik, von ungeheurem pianistischen Einfallsreichtum und auf ihre neue Art formvollendet. Viele Musiker lassen zurecht die Finger davon, andere entwickeln Lösungen und bringen Erstaunliches zu Stande.

Ich gebe hier drei Varianten, wie mit diesen Werken erfolgreich umgegangen werden kann.
Wie gesagt, den sechsten Sinn kann ich nicht mitgeben…

1. Die normale (Notentext-) Interpretation.

Kein negativer Beiklang im Wort „normal“!
Einige der Stücke Nr. 1 / 3 / 5 oder 12 beispielsweise sollten und müssten als Kunstwerke für sich selbst bestehen, Veränderungen sind im Prinzip ausgeschlossen. Jede der 19 Rhapsodien kann genauso wie geschrieben gespielt werden, es gibt keine „verbesserungswürdigen“ Stellen. Einige kleine Freiheiten, Oktave nach unten verdoppeln etc., sind aber durchaus erlaubt. Insbesondere die Gesamtaufnahmen, von Louis Kentner, Misha Dichter, Samson François, Roberto Szidon bis zu Leslie Howard sind notengetreu und mit dem notwendigen Feuer gespielt.

2. Weiterführende Bearbeitungen

Vladimir Horowitz war der Erste, welcher einige der bekannten Rhapsodien neu überarbeitete.
Er änderte nicht nur die pianistischen Figurationen, sondern modernisierte oft die Harmonik und erlaubte sich grössere formale Anpassungen. Dies sind keine ad hoc Zusätze, die Faktur ist ausgearbeitet.
Als Beispiel die verrückte 2. Rhapsodie:
Zugegebenermassen, hier sind wir an eine Grenze gelangt. Das Stück hat seinen Charakter gerade noch behalten…

Asuka Matsumoto, eine begabte japanische Pianistin, hat ebenfalls eine sehr schöne Version herausgebracht. Da diese Künstlerin sehr beachtenswert ist, zunächst eine Liste mit Videos:

sunny side apple und hier die Rhapsodie Nr. 2

Arcadi Volodos führte diese Tradition weiter und nahm sich die 13. Rhapsodie als Ausgangspunkt für eine verrückte Fantasie. Kenner wissen, dass die eigentliche Grundlage eine Pirataufnahme von Horowitz‘ 1969 Version ist…

Was mich selbst betrifft, ich habe beispielsweise die 15. Rhapsodie in der Version von Horowitz gespielt. So genial wie es ist, mich hat immer gestört, dass ein wesentlicher Teil des musikalischen Materials herausgestrichen wurde. Daher habe ich die originale Einleitung vorangestellt, einiges aus Liszt eigener Orchesterfassung mit der Kadenz von Horowitz verknüpft und alle leer gebliebenen Stellen im Sinn beider Meister neu komponiert. Wenn man mir erlaubt zu sagen, dass ich mit dem Resultat ausserordentlich zufrieden bin…

3. Improvisation à la Liszt, die Kunst von Georges Cziffra
Quod licet Jovi, non licet bovi, ich möchte zuallererst betonen, dass diese Herangehensweise nur für diejenigen geeignet ist, welche das auch wirklich beherrschen. Ich selbst habe in jungen Jahren derartiges mit der 6. Rhapsodie probiert. Einmal habe ich mich soweit vertan, dass ich nur mit höchster Mühe wieder zurückfand. Glauben sie mir, das Gelächter im Publikum über den misslungenen Streich ist mir heute noch in den Ohren.
Nie wieder! Schliesslich lernt man ja durch Fehler…
Hier nun also die partiell improvisierte Masterversion der 6. Rhapsodie durch Cziffra. Da lacht niemand mehr…

4. Addendum primum: Die Kadenz zum Schluss der 2. Rhapsodie
Eine der einzigen Stellen der gesamten alten Sololiteratur, in welcher die Aufforderung zur Improvisation in den Noten steht. Lustigerweise macht genau hier Cziffra nichts. Etliche Meister schrieben Kadenzen, Sergej Rachmaninoff, Alfred Cortot, Vladimir Horowitz, Earl Wild und Marc-André Hamelin.

Sergej Rachmaninoff
Ein grossartig ironisch-musikalischer Kommentar zu Liszt Aufforderung.

Vladimir Horowitz meinte bezüglich einem Vergleich mit Rachmaninoff:
„Meine eigene Kadenz ist besser“. Urteilen Sie selbst.

Marc-André Hamelin brachte eine wahnwitzig moderne Version auf die Bühne (ab 8. min 20 sec.). Ob das noch innerhalb der aesthetischen Grenze ist?
Nun, diesen sprühenden Einfallsreichtum werde ich sicher nicht kritisieren.

5. Addendum secundum: Die Nummer 19, in den Händen von Horowitz & Cziffra.
Diese letzte Rhapsodie Liszt (Nr. 20 und 21 blieben Fragment), war ein Versuch, seinen Jugendstil ein letztes Mal wieder aufleben zu lassen. Die hochinteressante Musik wird in einen sperrigen, pseudo-virtuosen Klaviersatz gezwängt, der leider nur bedingt effektiv ist.

Horowitz entschied sich für eine komplexe, auskomponierte Bearbeitung, eine der schönsten, welche er je gemacht hat.

Und Cziffra fantasierte wild über das vorhandene Material.

In Liszt Rhapsodien ist unglaubliches Potenzial vorhanden. Man darf gespannt sein auf die Lösungen der Zukunft.

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